Raubmöwen legen vor - Jetzt ist der Verein am Zug

Lübeck-Travemünde – Es ist alles so ganz anders bei den Raubmöwen. In den letzten beiden Jahren standen die Vorzeigehandballerinnen Lübecks vor dem Absturz in die Tiefen der Kreisebene. Vor allem finanziell drohte der Kollaps, dieser konnte erst in jeweils letzter Sekunde abgewendet werden. Sportlich mussten die Raubmöwen im letzten Sommer nach neun Jahren Zweitligazugehörigkeit den Abstieg hinnehmen. Das alles sollte im Nachhinein allerdings den Weg zu wesentlich besseren Zeiten ebnen. Sowohl sportlich als auch wirtschaftlich können Thomas Kruse und Tanja Volkening als Trainerduo sowie Frank Barthel mit seinem Team „Drumherum“ schon jetzt ein sehr erfolgreiches Jahr verbuchen. Daraus resultiert die logische Schlussfolgerung, dass sich das gesamte Raubmöwen-Projekt in der kommenden Saison wieder in der bundesweit zweithöchsten Spielklasse bewegen will.

Nach dem Abstieg konnte die Mannschaft bis auf wenige Ausnahmen zusammengehalten werden. Das spiegelte sich in den bisherigen Spielen wider, die wichtigen Erfahrungen aus dem Abstiegsjahr konnte jede einzelne Raubmöwe sinnvoll und konstruktiv für sich umsetzen. Mit aktuell fünf Plus- / drei Minuspunkten Vorsprung vor dem Tabellenzweiten HC Leipzig II (der nicht aufsteigen darf) steuert der TSV Travemünde auf den Titel zu. Die letzten beiden Spitzenspiele in Frankfurt/Oder und Buxtehude mit jeweils stark dezimierten Kadern konnten mit Sieg und Unentschieden so erfolgreich gestaltet werden, dass die abschließende Zielvorgabe offiziellen Charakter erhielt und Aufstieg hieß.

Um schnellstmögliche Planungssicherheit zu erreichen, werden jetzt die Gespräche mit den Spielerinnen gesucht. Mit Co-Trainerin Tanja Volkening an seiner Seite darf Thomas Kruse jedenfalls weiter rechnen. Das bestätigte Volkening gegenüber HL Sports: „Es ist zwar noch nichts unterschrieben, aber mir ist diese Mannschaft ans Herz gewachsen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn die meist ja noch recht jungen Spielerinnen Tipps und Ratschläge annehmen und dann auch umsetzen.“

Ein großer Teil der Mannschaft hat bereits Bereitschaft signalisiert, weiterzumachen. Treffend äußerte sich Rückraumschützin Laura Riehl, neben Franziska Haupt eine der Raubmöwen der „ersten Generation“ dazu: „Wir sind zusammen abgestiegen, warum sollen wir dann nicht zusammen aufsteigen? Ich für meinen Teil möchte auf jeden Fall bleiben.“

Ein wichtiger Bestandteil des Erfolges war in diesem Jahr erneut die Kooperation mit der A-Jugend des VfL Bad Schwartau. Mit Torhüterin Lina Pooch, Alina Krey, Juniorennationalspielerin Katharina Naleschinski, Malin Stammer, Bastienne Eder sowie den Gahl-Zwilingen Rosa und Hannah erhielten gleich sieben Spielerinnen die Möglichkeit, sich im leistungsorientierten Frauenhandball weiterzuentwickeln. Aus diesem Block heißt es von einem Teil „Daumen hoch!“ im Hinblick auf die kommende Spielzeit. Für Malin Stammer (Foto) würde ein persönlicher Traum in Erfüllung gehen: „Vor einigen Jahren hat mein A-Jugend Trainer Olaf Schimpf mich gefragt, wo ich meine sportlichen Ziele sehe...? `Ich möchte irgendwann einmal in der 2. Liga spielen`, war meine Antwort. Vielleicht geht dieser Traum ja schon bald in Erfüllung...aber egal, ob 2. oder 3. Liga: Wir sind eine tolle Mannschaft, und ich bin stolz, dass ich dazu gehöre!“

Ganz ohne Abgänge wird Kruse nicht auskommen. Lina Pooch als zweite Torhüterin hat bereits abgesagt, auch bei Rosa und Hannah Gahl stehen die Zeichen auf Abschied.

Hinter dem Verbleib der einen oder anderen Spielerin stehen noch Fragezeichen. Die Dänin Frederikke Lærke, deren Deutschlandaufenthalt ursprünglich auf ein Jahr befristet war, möchte sehr gerne bleiben. Das macht „Frede“ aber davon abhängig, ob sie hier einen Job im Bereich Politik ausüben kann.

Nicht weniger gerne möchte Charline Röhr auch in der nächsten Saison das Tor der Raubmöwen hüten. Das geht aber nur, wenn es gelingt, dass „Charly“ ihr angestrebtes Medizinstudium geographisch möglichst nahe gelegen beginnen kann. Hierzu sucht Röhr intensiv nach einer Lösung, mit der sie beides unter einen Hut bringen kann.

So gut eine Mannschaft harmonieren kann, ohne einen finanziell vernünftigen Hintergrund läuft wenig bis gar nichts.

Es ist nicht so, dass die Raubmöwen plötzlich auf Rosen gebettet wären. Nein, der Kampf um jeden Euro war auch in diesem Jahr hart. Ein Grund dafür, dass trotz Abspringen von Sponsoren das erste Mal seit Jahren ein wenig entspannter in die Zukunft geblickt werden kann, hat viele Gründe. Zum einen haben sich die Raubmöwen sportlich und auch außerhalb des Handballfeldes ein sehr positives Image erarbeitet. Das blieb potenziellen Förderern nicht verborgen.

Ein großes Problem in der Vergangenheit lag immer wieder in den finanziell immens hohen Altlasten der jeweils voran gegangenen Saison. So musste ein Großteil des vorhandenen Geldes erst einmal in die Hand genommen werden, um den Vorjahresetat auszugleichen. Das riss natürlich Löcher ins Budget der neuen Spielzeit.

Kein Wunder also, dass sich Frank Barthel einmal die Zeit nimmt, tief durchzuatmen. Denn das war in der Vergangenheit nur sehr selten möglich: „Der Etat der laufenden Saison ist noch nicht komplett gedeckt, aber hier geht es um einen Betrag, der nicht vergleichbar mit dem der letzten Jahre ist. Auf Grund von Sponsorengewinnung, die nicht unbedingt eingeplant war, haben wir uns dafür entschieden, die Lizenz für die 2. Bundesliga zu beantragen.“

Hierzu gibt es am morgigen Montag einen ersten Termin mit dem Vereinsvorstand des TSV Travemünde. Barthel wird dort das Konzept mit einem Etat von dann 90.000 Euro vorstellen. „Wir wissen nicht, ob es dann schon zu einer Entscheidung kommt“, so Barthel. Aber insgesamt sind wir alle sehr guter Dinge.“ Die Raubmöwen haben also vorgelegt, jetzt ist der Verein am Zug.

Derzeit beteiligt sich der TSV Travemünde mit Ausnahme der Meldegebühr beim Deutschen Handballbund nicht am Etat der Raubmöwen, hat aber als Heimatgeber der Raubmöwen Entscheidungsgewalt im Hinblick auf die Lizenzbeantragung. Dass sich der Vorstand mit finanzieller Unterstützung zurückhält, ist in diesem Jahr dem Hallenneubau am Rugwisch geschuldet. Einer Halle, von der die Raubmöwen nichts haben werden, denn zum Handballspiel in der 3. oder gar 2. Bundesliga ist sie nicht geeignet. Kapitänin Leonie Wulf und ihre Mitspielerinnen könnten dennoch vom Hallenbau profitieren. Nämlich dann, wenn es gelingt, Trainingseinheiten anderer Mannschaften verschiedener Sportarten in die neue Halle zu verlegen. Die Raubmöwen hätten dann endlich die Möglichkeit, mehr als einmal pro Woche ihr Training am heimischen Steenkamp auszuüben. Barthel dazu: „Die jetzige Trainingssituation ist eine einzige Katastrophe. Aber auch das macht deutlich, was hier trotz all dieser widrigen Umstände erreicht wurde. Ich kann wirklich nur nochmals jedem Einzelnen im gesamten Raubmöwen-Team für diesen großartigen Erfolg danken.“
 
 
 
 

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