Neu formierte Raubmöwen wollen 3. Liga Nord bereichern

© Felix König/Fotoagentur 54 Grad
Lübeck – Rückblende, 9. Mai 2015. Gut ein Jahr nach dem grandiosen Aufstieg in die 2. Handball-Bundesliga war die Euphorie bei den Raubmöwen des TSV Travemünde längst verflogen. Im letzten Punktspiel dieser nicht nur sportlich tief enttäuschenden Saison unterlagen die Raubmöwen dem TV Nellingen (gewohnt) deutlich mit 23:34. Nach der obligatorischen Abschlussfeier war dieses Kapitel Raubmöwen dann endgültig Geschichte; neben Trainer- und Physioteam sowie dem Ligamanagement verabschiedeten sich nicht weniger als 14 der 15 Spielerinnen aus verschiedensten Gründen in alle Himmelsrichtungen. Einzig Malin Stammer hielt beziehungsweise hält den Raubmöwen bis heute die Treue: „Mit Spaß zum Erfolg" - es ist eine ganz neue Truppe, aber das Motto passt. Wir sind eine gute Gemeinschaft: Mannschaft, Trainer, Betreuer, Eltern, Sponsoren, Freunde ... Alle freuen sich, dass es endlich losgeht. Es ist toll, dass uns so viele Menschen unterstützen. Und wir werden alle Gas geben, um viele Punkte ins Raubmöwennest nach Travemünde zu holen.“

Es gilt zudem ein neues Motto bei den Raubmöwen: „Wir leben Handball!“

Es war nicht das erste Mal in den vergangenen Jahren, dass die Raubmöwen unter dem Dach des die Lizenz nehmenden Vereins TSV Travemünde am Scheideweg oder gar am Abgrund standen. Dieser sich regelmäßig wiederholende Leidensweg konnte (unter finanziell nochmals starken Einschnitten) auch dieses Mal gerade noch rechtzeitig verlassen werden. Und jetzt soll das Projekt Raubmöwen endlich zu einer Dauerhaftigkeit gelangen, ohne dass in jedem Frühjahr um die Lizenz oder eine konkurrenzfähige Mannschaft gebangt werden muss.

Genau vor diesem Problem aber standen die Raubmöwen im Frühjahr 2015. Kein Team, kein Umfeld und auch der Etat bereitete Sorgen. Die weiteren Wochen kurz zusammengefasst: Unter Führung von Christian Görs wurde ein nahezu komplett neues Umfeld aufgebaut. Wichtigster Schritt neben der notwendigen Sponsorenakquise und den austauschenden Gesprächen mit der Vereinsführung war der Aufbau eines tragfähigen Drittligateams. Wie schon zwei Jahre zuvor sprang die A-Jugend des VfL Bad Schwartau mit deren Trainern Olaf Schimpf und Thomas Hartstock in die Bresche.

Im Gegensatz zu 2013, als acht VfL-Handballgirls mit einem Zweitspielrecht ausgestattet wurden, betrifft es jetzt mit Ausnahme von Torhüterin Lorena Jackstadt, Laura Neu, Mirlinda Hani sowie Malin Stammer die komplette Mannschaft. Der Weg, der in den letzten beiden Jahren nicht konsequent weitergegangen wurde, soll jetzt einen langfristigen Bestand haben. Olaf Schimpf setzt nicht umsonst auf eine nachhaltige Nachwuchsarbeit. So steht der sogar in Dänemark diplomierte Handballlehrer auch bei den C-Jugendlichen des VfL verantwortlich an der Seitenlinie. „Hier spielt die Zukunft des VfL Bad Schwartau und der Raubmöwen“, pflegt nicht nur der neue Teammanager Christian Görs zu staunen, wenn er das jetzt schon sichtbare Potenzial der jungen VfL-Mädels bewundert.

In dessen Richtung und in die der nimmermüden Mitstreiter geht auch ein großer Dank des Coaches: „Es ist toll und einfach wichtig, dass uns Christian und alle anderen mit ihrem Einsatz den Weg geebnet haben.“

Die gut ausgebildete Nachwuchs-Quelle soll einen großen Teil dazu beitragen, dass talentierten Handballerinnen in der Region Lübeck langfristig hochklassiger Handball ermöglicht wird. Olaf Schimpf dazu: „Es wird immer wieder einzelne Spielerinnen geben, die irgendwann aufhören. Aber eben auch solche, die den Sprung in die 1. oder 2. Bundesliga schaffen. Das ist dann ja vollkommen okay. Wir freuen uns, wenn wir unseren Teil dazu beigetragen haben.“ Grundsätzlich aber soll das Team der Raubmöwen als nächster Schritt spätestens nach der Jugendzeit fungieren.

Kommen wir zur aktuellen Saison, die für die Raubmöwen am kommenden Sonntag mit dem Auswärtsspiel beim TV Oyten startet: Es ist schon erstaunlich, dass es sich die eine oder andere Mannschaft der 3. Bundesliga Nord ein wenig einfach macht, wenn es um die Einschätzung der gegnerischen Mannschaften geht. Wenn nach möglichen Titelfavoriten gefragt wurde, fiel der Name des Zweitligaabsteigers Travemünde gerne einmal. Von solchen „Zuschanz“-Aktionen der Favoritenbürde zeigt sich das Trainergespann in keiner Weise beeindruckt. Olaf Schimpf reagiert gewohnt gelassen: „Für uns lautet das Ziel ganz einfach Klassenerhalt. Wenn wir ihn vorzeitig schaffen, ist es gut. Wenn wir ihn am letzten Spieltag schaffen, ist es auch gut. Wir können von diesem jungen Team nicht erwarten, in jeder Woche auf einem gleich hohen Level zu spielen. Es wird Unterschiede im Leistungsniveau geben, und das ist auch völlig normal und okay.“

Hinzu kommt die Doppel- oder gar Dreifachbelastung, mit denen sich ein Großteil der Spielerinnen auseinandersetzen muss. Hier die Raubmöwen in der 3. Bundesliga Nord, dort die A-Jugend des VfL Bad Schwartau in der Bundesliga-Runde und der Oberliga Hamburg-Schleswig Holstein. Olaf Schimpf und Thomas Hartstock können sich glücklich schätzen, über einen sehr breit aufgestellten Kader zu verfügen. So können auch langwierige Verletzungen wie jetzt gerade von Jeannine Bollmann (Kreuzbandriss) und Carlotta Jochims (Anriss des Kreuzbandes) kompensiert werden.

Im Hinblick auf den sportlichen Erfolg in der 3. Liga dürfte der TSV Travemünde zu den Mannschaften mit vielen Unbekannten gerechnet werden. Fehlende Erfahrung soll unter anderem durch eine sehr hohe Flexibilität in der Spielweise ausgeglichen werden. Und gänzlich „grün hinter den Ohren“ sind die Raubmöwen ja nun auch nicht; mit Mirlinda Hani und Laura Neu vom SV Henstedt-Ulzburg wechselten zwei Spielerinnen an die Ostsee, die den Drittligahandball seit bereits sieben beziehungsweise sechs Jahren in- und auswendig kennen. Ebenso vom SVHU kommend traten Torhüterin Hanna Belgardt und Steffi Schoeneberg ihr Zweispielrecht an die Raubmöwen ab. Als letzte Spielerin aus Henstedt-Ulzburg (B-Jugend) stieß Jamila Popiol nach Travemünde.

Endgültig in trockenen Tüchern ist die Verpflichtung von Torhüterin Lorena Jackstadt, deren Erstspielrecht bei den Raubmöwen liegt, die aber bei Spieltags-Überschneidungen für den ambitionierten Viertligisten HSG Jörl Doppeleiche-Viöl zwischen den Pfosten stehen wird.

Die Vorbereitung brachte wichtige Erkenntnisse und sichtbare Fortschritte. Auch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Der psychologisch wohl wichtigste Erfolg gelang im ersten Heimspiel am Steenkamp, als die SG Todesfelde/Leezen mit den ehemaligen Raubmöwen Franziska Haupt und Leonie Wulf klar mit 34:26 geschlagen wurde. Das lief zwar unter der Rubrik Vorbereitung, aber das neue Gesicht der Raubmöwen war erstmals präsent und kam beim alteingesessenen Travemünder Publikum sehr gut an.

Die Feuertaufe bestanden die Neu-Travemünderinnen dann am 6. September, als es in der ersten Runde des DHB-Pokals zum TV Verl (Oberliga Westfalen) ging. Dort gewannen die Schimpf-Schützlinge trotz des ebenfalls an diesem Wochenende ausgetragenen Einladungsturniers im niedersächsischen Oldenburg souverän mit 28:20. Die Entscheidung, in diesem Jahr am eigentlich ungeliebten DHB-Pokal teilzunehmen, erwies sich spätestens nach diesem Erfolg als goldrichtig. Denn die Auslosung zur zweiten Runde bescherte den Raubmöwen mit der HSG Blomberg-Lippe einen äußerst attraktiven Erstligisten. Damit haben sich die Mädels schon in dieser frühen Saisonphase ein erstes Highlight geschenkt. Am 2. Oktober steigt dieses Duell in der Lübecker Hansehalle. Hier wollen die Jungmöwen vor einer großartigen Kulisse ein großartiges Spiel abliefern.
 
 
 
 

Zurück